Der christliche Polytheismus

Nein, die Überschrift enthält „keinen Fehler“, weil sie hier richtigerweise ein „Monotheismus“ enthalten müsste. Das soll dargelegt – und der Blick ins Religiöse damit möglichst etwas geschärft werden.

Üblicherweise bezeichnet man ja das Judentum, den Islam und das Christentum als „monotheistisch“, um sie von den polytheistischen Religionen (z.B. Hinduismus) abzugrenzen. „Mono“ heißt einer, und „Theismus“ verweist auf Gott. Ein Gott also. Die Beziehung wäre damit eigentlich geklärt. Und das war ursprünglich einmal eine vereinfachende (auch im wörtlichen Sinn) und sinnstiftende Variante gegenüber den verwirrenden Göttervielfalten und deren Kompetenz- und Verwandtschaftsstreitigkeiten, wie sie in den orientalischen und der griechischen bzw. römischen Religion zu finden war.

Mit dem Judentum gibt es hierbei zumindest aus dieser Sicht keinerlei Irritationen. Außer ihrem Gott kennen sie nichts; die Propheten blieben immer Menschen. Beim Islam wird es mit dem Propheten Mohammed etwas kritisch, wie man spätestens bei den „Beleidigungen des Propheten“ erkennen kann, die als „Blasphemie“ (und damit gegen Gott gerichtet) gegeißelt und abgehandelt werden. Aber das mögen Islamisten und Islamkenner unter sich ausdiskutieren und austragen.

Beim Christentum verlassen wir jedoch das „Mono“. Man muss es verlassen – auch wenn dieser Abschied schmerzen sollte. Denn dieses „Mono“ war und ist gerade wegen seiner „Einzigartigkeit“ als Botschaftssignal ja sehr willkommen. Da es ja nicht „das Christentum“ gibt, sondern im Hinblick auf nicht zuletzt eine Vielzahl von Kirchen und Glaubensgemeinschaften, die sich alle irgendwie auf das Alte Testament und ein angeblich durch Jesus gegründetes Christentum berufen, kann man folglich ohnehin nur von „Christentümern“ sprechen. Das griechisch- oder russisch-orthodoxe Christentum lasse ich mangels ausreichender Kenntnissen unberücksichtigt. Aber ich bin mir doch ausreichend sicher, dass auch dort keine schlüssigen Konzepte hinsichtlich eines Monotheismus ergäben. Diese unterscheiden sich dann jedoch in ihrem „Gottesverständnis“ und man muss gleich hinzufügen: Götterverständnis.

Nahezu alle Christen bekennen sich zu

  • einem Gott,
  • einem Christus
  • und einem Heiligen Geist.

Die römische Kirche kennt zudem noch eine Heilige Maria als „Gottesgebärerin“ und nicht zuletzt zahllose Heilige.

Dass die Heilige Dreifaltigkeit nur „einen Gott“ richtiger wohl: ein Gotteswesen bezeichnen soll, ist natürlich theologische Alltagsweisheit. Deshalb ja auch die Behauptung des „Monotheismus“. Dass einer alles und gleichzeitig auch nur ein Teil von allem sein soll, signalisiert schon eine gewisse Verworren- und Verwirrtheit. Eine echte Weisheit ist das ja wohl gerade nicht. Ganz schwierig ist dabei die Rolle des Heiligen Geistes. Soll man sich die beiden anderen auch ohne Geist vorstellen können? Das kann ja wohl kaum gemeint sein. Gemeint sein könnte allerdings eine taugliche Verharmlosung oder die Ersetzung des eigenen menschlichen Geistes durch einen kirchlich opportunen Geist. Das trifft es dann schon eher. Dass sich Menschen bzw. Herrscher/Könige einst selbst als Gottheiten bezeichneten, brachte keinen Vorteil für die Herrschaftsausübung. Ganz im Gegenteil: Das Höhere musste den Menschen ja doch als ziemlich durchsichtig, egoistisch, größenwahnsinnig und selbstherrlich und vor allem in keiner Weise mit überirdischer Macht versehen, erscheinen. Das religiös Mystische war zur Albernheit herabgewirtschaftet. Also lässt man die Göttlichkeit für Menschen mal besser weg, um sich in der Kreativität des Höchsten nicht unnötige Fesseln und Beschränkungen aufzuerlegen. Der Heilige Geist wird jedoch dringend gebraucht, um der Priesterschaft einen Legitimationsvorsprung vor ihren Laien und am besten natürlich gegenüber allen Menschen zu verschaffen. Der Heilige Geist tummelt sich immer da, wo man ihn braucht: bei Papstwahlen, Lehrverkündigungen oder auf nur in der Sonntagspredigt und beim Abendmahl. Also immer dann, wenn man sich unangreifbar machen will und eine ganz besondere Beziehung und eine ganz besondere Vollmacht herausstellen und kritisches Nachdenken eben ausschalten will. Deshalb ist es auch nur konsequent, dass nach dem Text des Neuen Testaments zwar Gotteslästerung verziehen werden kann, aber niemals eine Verleugnung des Heiligen Geistes. In der Theorie spielt er somit für die Theologen und die Großkirchen zwar eine überragende Rolle - für die Gläubigen in ihrem „Alltagsglauben“ eher nicht. Ihre Unterworfenheit wird ja nicht einmal von ihnen selbst noch in Frage gestellt.

Im Alltagsglauben wird es dann aber interessant und differenziert. Zunächst einmal zur katholischen Sichtweise:

Die höchste religiöse Instanz ist für die meisten „praktizierenden“ Katholiken eben die „gekrönte“, ungekrönte Heilige Maria Gottesmutter. Das ist Ernst. Dazu muss man sich nur die Wallfahrten und die Anzahl und „Anrufungen“ ansehen. Da kommt weder ein Gott noch ein Jesus mit. Maria ist zwar nach theologischem Grundverständnis gerade keine Göttin geworden, aber faktisch wird sie unter Katholiken als solche gehandelt. Die feinen theologischen Unterscheidungen zwischen „Anbetung“ und „um Fürbitte anrufen“ oder ähnliche Feinsinnigkeiten gehen an der religiösen Praxis in geradezu lächerlicher Weise vorbei („Mit Maria!“, „Maria hilf!“ oder „Maria hat geholfen!“). Hilfreich ist allemal im Zweifelsfall ein Blick in die gläubige Dritte Welt. Da sieht man sie: die Himmelsgöttin unverstellt. Dass die frauenfeindliche Kirche über Jahrhunderte sich an einer Aufwertung dieser Maria abarbeiten musste, war der Hartnäckigkeit der Volksfrömmigkeit geschuldet. Das schlichte Volk war schließlich Fruchtbarkeitsgöttinnen gewohnt, wenn auch bei Maria diese Funktionszuweisung doch noch von der Kirche unterdrückt werden konnte. Mit ihr wird die „Jungfräulichkeit“ zu einem überirdischen Ziel und Auszeichnung. Wenn man sich nicht von seinen Gläubigen, und vor allem deren weiblicher Mehrheit, verabschieden wollte, musste die Kirche einfach mit einer Marien-Theologie „nachziehen“. Wenn man schon Frauen generell diskriminierte, dann musste da einfach – und eben vor allem für die Frauen – ein „höherer“ Ausgleich her. Eben eine „Mitgöttin“. Dass sich aus dem Neuen Testament so rein gar nichts für diese herausragende Stellung ergibt, sei nur einmal zur Klarstellung erwähnt. Dort kommt diese Maria über eine schlichte Statistinnenrolle nicht hinaus. Aber die Kirche gestattete sich schon immer Freiheiten „durch Tradition“. Göttinnen waren schon immer beliebter, friedvoller und anheimelnder als strenge Vater- und Kriegsgottheiten. Maria musste einfach in diese emotionale Lücke eingepasst werden. Und sei es als Muttergöttin (Maria deshalb auch immer gern im Angebot mit Säugling auf dem Arm zur Tarnung und Verschleierung ihrer eigenen Wertigkeit – wer interessiert sich beim Anblick dieser Statuen noch für den Säugling?), als Trägerin eines Isis-Mantels oder was auch immer die alten Fruchtbarkeitskulte so hergaben. Der Durchbruch in der römischen Kirche kam dann mit der Reformation und der Ablehnung dieses Kultes durch die „Evangelischen“. Ab dem Dreißigjährigen Krieg siegte man dann auch im Namen Marias. Ein neues Markenzeichen sozusagen. Und weil die „Mutterbotschaft“ so universell, so einfach, so unangreifbar ist, stieg die Bedeutung dieser Randfigur ins Gigantische. 1854 – man bedenke einmal dieses späte Datum! – wurde dann die Unbefleckte Empfängnis (zu unterscheiden von der schon geglaubten „Jungfrauengeburt“) kirchliches Dogma, d.h. zwingend zu glaubende „Wahrheit“: Das Ganze wurde dann durch die leibliche Himmelfahrt Marias im Jahr 1950 (!) nochmals getoppt. Das ist Dogma und das heißt, wer das als Katholik nicht glaubt, landet nach dieser Lehre schon allein deswegen in der Hölle. Kirchensteuern zahlen hilft da gar nichts! Maria gilt dank katholischer Lehre eben als einziger Mensch ohne Erbsünde. Die „Schwarze Madonna“, wie sie an vielen Orten geschaffen wurde, wurde zudem zu einer theologischen Nobel-Adresse, die in neuerer Zeit gerade durch die Päpste neu hofiert wird, um von der geistigen Leere und Bedeutungslosigkeit ihrer Botschaft für das Heil der Menschen erfolgreich abzulenken. Die Steigerung von Maria heißt Schwarze Madonna.

Das zweithöchste göttliche Wesen ist für die Katholiken dann aber der Heilige Geist. Da die Herrschaft der Kirche über ihre Gläubigen unter diesen vollkommen unstrittig ist, ist selbstverständlich auch dort, wo sich die Kirche auf „ihren“ Heiligen Geist beruft, auch ihre Legitimation dementsprechend. Und dieser Heilige Geist ist schließlich nicht irgendwo. Nein, zwar ist nach der Lehre kein Gott oder „Christus“ in einem Menschen - aber der Heilige Geist sehr wohl in allen Priestern. Da ist und da bleibt er. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum z.B. Kindesmissbrauch noch immer als Tabu-Thema und von der Kirche anders gesehen wird als von der Öffentlichkeit. Diese bemerkt den Unterschied nicht einmal. Dieses „Über-den-Laien-stehen“ der Priester (Vollmacht zu „Absolutionen“; „Sakramente spenden“), und damit ihre Herausgehobenheit über die Menschen, ist nicht einmal den meisten Katholiken in ihrer Konsequenz überhaupt bekannt bzw. bewusst. Aber das mag hier auf sich beruhen.

Für die Protestanten hat der Heilige Geist mehr unaufgeregte Begleiterfunktion. Sie bedürfen weniger höherer Legitimation, da sie ihre Legitimation gerade von der Abwendung einer hierarchischen – katholischen – Kirche ableiten.

Erst als nächste Gottheit kommt dann Jesus „Christus“ ins Spiel. Schließlich handelt es sich angeblich um den „Religionsgründer“. Dass so gut wie kein Wissenschaftler mehr an dieser These festhält, ficht das gläubige Volk nicht an. Der Jude Jesus wurde zum ersten Christen umgetauft. Wie so vieles und vieles andere in diesem Bereich, nichts was mit Logik, Wahrscheinlichkeit oder Vernunft zu tun hat. Selbst wenn es gar keinen Jesus gegeben hätte, ist für die Strenggläubigsten damit nicht erwiesen, dass es auch keinen Christus gab. Und mit dieser Sichtweise sind sie womöglich der Wahrheit deutlich näher als sich die Theologen-Weisheit träumen lässt. Aber das muss hier offen bleiben.

Jesus „Christus“ ist vor allem für die Protestanten die erste Adresse. Auch sie verweisen ihren Haupt-Gott lieber in den Hintergrund und begnügen sich mit einem „Vater-unser“ und ansonsten der Lichtgestalt des Johannes-Evangeliums. Der Bezug zu dem einzigen Gott-Vater stellt sich eher zwiespältig dar. Er lugt für heutige Sensibilitäten doch gar zu gewalttätig und wenig vertrauenerweckend aus dem Alten Testament. Also: Mit Jesus, das geht ganz gut. Lukas bietet ein bisschen Soziales, wegen der Armut und gegen Reichtum, für Frauen und für Sklaven und Sündern und so. Mit Jesus bietet sich ein großer Gestaltungsfreiraum. Gedanken, die er nie gehabt haben könnte, Aussagen, die er so gar nicht gemacht haben könnte, Handlungen, die er niemals vornehmen oder gutheißen würde, das alles ist nur selten noch wissenschaftlich umstritten, oft genug gar gegenteilig geklärt, aber den Verkündern allemal und allumfassend egal – und eben ausbaufähig.

Und Jesus ist für die Katholiken schließlich der Abwesende für den „Stellvertreter“.Als „Legitimierer“ also von höchster Bedeutung – auch wenn das natürlich Historiker oder viele Unabhängige durchaus ganz anders sehen. Der Stellvertreter rückt schon verdächtig nahe in den Götterhimmel (schon zu Lebzeiten: Ihre Heiligkeit; die dann allerdings mit dem Tod merkwürdigerweise erlischt!). Vor allem, wenn man bedenkt, was die Päpste sich als Stellvertreter schon so alles anmaßten. Diese und die Priesterhierarchie regelten weit mehr als sich ein Jesus jemals als regelungsbedürftig hätte vorstellen können. Ja, der Papst als Stellvertreter „Gottes“ (das ist hier ein Jesus Christus) selbst könne sogar jemanden direkt in die Hölle schicken oder auch von jeglichen Sünden bereits auf Erden freisprechen. Einen Gott braucht er dazu jedenfalls gerade nicht (mehr). Jesus begnügte sich damit, dass er drohte, und Gott dies dann erledigen würde. Kein großer Unterschied – aber immerhin. Als Stellvertreter mit Hierarchie setzt er Lehrsätze fest und ernennt verstorbene Menschen zu Heiligen. Damit schafft er zwar keine Götter, aber das jubelnde Volk (siehe Heiligsprechung Johannes Paul II.) sieht so dank dieser Legitimation letztendlich doch jeweils wieder einen weiteren Gott vor sich.

Und damit sind wir bei der endgültigen Sprengung des Monotheismus. Wenn man meint, Reliquien und Heilige seien allein eine katholische Angelegenheit, so irrt man zumindest beim zweiten. Auch die Protestanten können und wollen einem Paulus oder einem St. Martin oder St. Nikolaus nicht ihren Heiligenstatus streitig machen. Bei den Reliquien zieht man vorsichtshalber den Kopf ein. Allerdings führt diese religiöse „Altlast“ nicht zu Anbetungen, wie bei Katholiken. Wobei die auch evangelisch anerkannten allerdings auch nur schlechte Beispiele wären. Es gibt ja dank einer nicht zu regulierenden Volksfrömmigkeit eine Unzahl von Heiligen, für alle Unternehmungen, Krankheiten, Regionen und sonstige Aspekte zuständig sind. Man macht sich die Welt selbst greifbarer und volksnäher. Dabei ist oft ziemlich gleichgültig, ob die „um Fürbitte angerufene Person“ überhaupt eine offizielle Absegnung hat oder noch hat. Die Heilige Barbara wird z.B. nach wie vor verehrt, herumgetragen und angebetet (auch wenn dies bei Heiligen an sich so nicht statthaft ist!), obwohl selbst die römische Kirche sie aus ihrem Katalog mangels glaubhafter Nachweise – wie bei vielen anderen infolge der außer-kirchlichen Nachforschungen auch - gestrichen hat. Aber öffentlich legt sich die Kirche auch mit der Volksfrömmigkeit nicht an – zu greifbar sind ja die Vorteile.

Der Vollständigkeit halber seien sie erwähnt, da sie es bis in esoterische Kreise geschafft haben: die Engel. Leider habe ich keine Stelle im Alten oder Neuen Testament gefunden, die mal erklärt, was ein „Schutzengel“ sein soll bzw. dass man diese zum Einsatz gebracht hätte. Jeder hätte einen – und gerne -, wird gerne mal versichert. „Versichert“ ist zwar in diesem Zusammenhang ein passendes Wort, aber versichert ist man mit diesem Engel ja gerade nicht. Es sei denn, es geht irgendetwas Gefährliches gut aus, dann war er da. Wenn es jedoch schief gegangen ist, erwähnt man ihn besser gar nicht. Und schon gar nicht im direkten Zusammenhang. Jesus meinte vor seiner Verhaftung noch, er könne Legionen von Engel rufen. Schade, dass er es bei der Ankündigung beließ und überzeugende Beweise so erst gar nicht angeboten werden. So ist der Bezug zum Christentum doch eher etwas für Fabulisten. Für einen göttlichen Status kommen sie nicht ernsthaft in Betracht. Da mag sich auch der Erzengel Gabriel noch so bemühen, der Engel der Schwangerschaftsverkündung Marias oder der Engel am Grab Jesu. Sie sind halt doch nur Boten – menschlich nicht, aber göttlich doch eben auch nicht: Zwitterwesen, gerade so wie sie die alten Babylonier entworfen haben.

War es das? - wird sich jetzt vielleicht der schon genervte Gerne-Christ fragen. Mitnichten! – Ich gebe zu, dass mir erst nach einigen Tagen eine weitere Offenbarung zuteil wurde. Wie konnte ich bei alledem nur den Satan vergessen? Hat nicht auch er göttlichen Status? Andere Religionen kennen ja durchaus „böse“ Götter. Das Christentum kennt ja angeblich nur einen Gott – aber was hat es dann mit diesem Satan auf sich? Er ist ja immerhin und ständiger „Widersacher“ des Gott-Vaters oder dann auch des Gott-Sohnes. Ein Wettstreit auf Augenhöhe sozusagen – übermenschlich jedenfalls. Da muss man wohl zwingend auf „Gottähnlichkeit“ schließen. Oder als „Unter“-Gott – meinetwegen; aber immerhin. Im Alten Testament war dieser Jahwe ja ursprünglich für alles zuständig – ob Abschlachten der Feinde oder Götzenanbeter, Versklavungen, Plagen, Kindstötungen, Vernichtung der Menschheit durch eine Sintflut und ähnlichem. Entweder sieht man all das, was das Alte Testament so hergibt, als „gut“ an oder man konzediert doch auch eine böse Seite. Eines Satans bedurfte es damals und daneben nicht. Furcht und Schrecken verbreitete ja schon dieser Jahwe. Theologie vom Feinsten für Feinschmecker. Das können wir hier auf sich beruhen lassen. Im Neuen Testament kommt dann aber seine Stunde. Jetzt funkt er doch immer wieder mal dazwischen. Warnmeldungen sind stets von Nöten. Aber er ist ja nicht allein, er hat auch auf einmal Helfer: Dämonen - regelmäßig sieben an der Zahl. Deren Namen sind leider nicht überliefert und auch nicht, welche Zuständigkeiten untereinander galten oder welcher Zählweise man sich bei den Austreibungen bediente. „Sieben“ fahren ständig aus – und wenn es sein muss, dann halt auch mal in eine Schweineherde, die sich dann pflichtschuldigst ersäuft. Haben wir hier noch einen weiteren Unter-Unter-Gottes-Status vor uns? Ich gebe zu, der theologische Laie gerät hier in gefährliche Denkfallen. Womöglich ist auch schon der Anti-Christ unterwegs. Mit dem hatte es weder Gott-Vater noch Gott-Sohn, sondern dann erst der Christus-Stellvertreter auf dem römischen und lutherischen Stuhl zu tun. Übermenschlich mächtig war er jedenfalls. Luther setzte noch der Satan noch oft persönlich zu. Schließlich war Luther ja auch jemand, zu dem man nicht einfach Hilfspersonal schicken konnte. Auf den Scheiterhaufen führte dann aber sowohl der Umgang mit dem Satan – auch Teufel genannt - als auch die Berührung mit dem Antichristen. Wenn man denn alle Predigt-Texte seit dem Mittelalter aufbewahrt hätte, so könnte man vielleicht erkennen, dass der Satan und seine Hölle viel öfter ausgemalt und verkündet wurden als Gott oder Christus. Die geschürte Angst ist allemal stärker als die ungeklärte Hoffnung. Aber das wären ohnehin historische Spielereien. Den Menschen von heute liegt nichts an Historie. Und heute vermeidet man doch auf Seiten der Verkünder, auf der evangelischen allem Anschein nach wesentlich mehr als auf der römischen, auf Satan und Hölle zu verweisen. In Zeiten des Gut-Menschentums, zu dem sich medienwirksam nun bejubelt auch ein Papst bekennt, müssen auch die Religion und die Kirchen nachziehen. Im Hinblick auf die Unerträglichkeiten, die Abscheulichkeiten, dieUngerechtigkeiten, die Unterdrückungsinstrumentarien, das Ausgeliefertsein, der eigenen Ohnmacht, der Verblödungsstrategien und der Ausbeutung, die auf der Welt allgegenwärtig dominieren, braucht man „weiß Gott!“ nicht noch eine böse jenseitige Welt und den Satan/Teufel selbst noch an die Wand zu malen. Ansonsten würde sich womöglich die Gegenfrage nach Gott stellen. Nein, das Schlechte und das ethische Versagen sieht und kennt jeder. Nein, man braucht eine schöne heile, über alle Mühsal erhabene und verkündigte jenseitige Welt. Der Trost und die Hoffnung liegen im Jenseits – und im Wettstreit und Wetteifern der hierzu anzuführenden Götter.

Fazit:

Ich habe hier nichts geschrieben, was irgendjemanden intellektuell überfordern würde. Jede/r hat das alles zigmal gehört, gelesen, sich so gedacht – aber vielleicht doch nicht „so“ gedacht. Man muss die Welt der blumigen Fantasie nur einmal richtig aufblättern. Wenn es um Religion geht, meinen ja viele, sie seien nicht kompetent genug, um selbst zu denken und sich selbst zu äußern, und wenn viele da etwas als wahr hinstellen oder eben „so“ hinstellen, dann sei es wohl auch so richtig. Deshalb haben Kirchentage ja auch eine denk-disziplinierende und emotionalisierende (Haupt-)Seite. Ich möchte Sie beruhigen: Wenn man genug „Religiöses“ gelesen hat, wird man gerade zu erschüttert sein, welch dünnes Süppchen einem da immer wieder vorgesetzt wird. Besser ist da schon, man geht in die Kirche und lässt dort für einen denken. - Nein, die höchste Instanz ist immer noch der eigene Verstand – auch wenn dies insbesondere ausdrücklich im Widerspruch zu Lehrsätzen der römischen Theologie steht. Zum Verstand haben schließlich auch alle widerstreitenden Argumente und Sichtweisen Zugang. Aber wer seinen eigenen Verstand ernst nimmt, wird dies auch mit einem eigenen Urteil abschließen können und auch müssen. Wie, so möchte ich oft „Gläubige“ fragen, wenn ein Gott die Menschen abschließend genau nach dem Umfang und dem Aufwand des Gebrauchs ihres eigenen „gottgegebenen“ Verstandes beurteilen würde – auch und gerade, wenn es um „klerikale Wahrheiten“ geht? Müsste da nicht manchem und mancher tatsächlich Angst und Bange um das eigene Seelenheil werden? Den Verstand auszuschalten und auf unergründliche, unverdiente und unverdienbare „Gnade“ zu hoffen (allgemeiner christ-theologischer Konsens!), ist dem gegenüber wohl eine geradezu erbärmliche – und das eben auch wörtlich zu nehmende! - Einstellung. Und zu einer ethischen Gesamteinstellung gehört auch, einmal zu bilanzieren, was einem da an „Wahrheiten“ und in Bezug auf „Götter-Theologie“ so dargeboten wird. Ist denn - allein nur dies genommen – das alles überhaupt irgendwie noch schlüssig oder aufrichtig?

Wenn man also alles realistisch betrachtet und beurteilt, wie Religion in unseren Tagen gelebt wird, wird man sich zwangsläufig von einem Monotheismus und dabei auch zwangsläufig von einer „eindeutigen“ Machthierarchie verabschieden müssen. Für gläubige Christen ist Gott vielleicht noch das abstrakt Höchste, aber das angebetete Höchste ist er wohl im Christentum gerade nicht. Und diese Religion ist eben gerade das nicht, als was sich diese Religion, genannt Christentum, so ausgibt: eine monotheistische Religion. Was die Dreifaltigkeit betrifft, hat die Theologie zwar schon immer – merkwürdig genug bzw.: um nicht schon selbst den Anspruch sichtlich aufzugeben – vertreten, dass es da keine Hierarchie gäbe (auch wenn Gott immer irgendwie das Höchste ist!), aber es gibt sie eben dadurch, dass für Katholiken Maria und selbst die Heiligen (überwiegend rein Legendenhafte) und jüngst Heiliggesprochen (vor allem Päpste) ihren theologischen Überwesen den Rang ablaufen. Um dies aber zu durchschauen, dazu müsste man allerdings Geschichte und Geschichten einmal bewusst zur Kenntnis nehmen und auf sich wirken lassen und die „Indoktrinations-“ und „Sozialisationsfilter“ bewusst ausschalten. Die Protestanten stellen in diesem Götterhimmel ihren Jesus allem voran – mit ihm lässt sich noch am einfachsten über die Welt fabulieren. Während es die Katholiken mehr irdisch real sehen (z.B. Bekreuzigen bei einem Fußballspiel; Wallfahrten und Reliquienkult; vor allem einem „Stellvertreter-Kult“), flüchten die Protestanten mehr ins mythisch Symbolische und pflegen so ihren Paulus und Johannes.

Das ist in Kurzform des christliche „Monotheismus“ und eben richtiger: Polytheismus. Es besteht also schon aus Sicht des Christentums keinerlei Veranlassung, auf polytheistische Religionen herabzusehen, wie dies gern unterschwellig geschieht. Man hat schließlich selbst eine. Und das sollte man eben erkennen.

Roland Weber