Strafsache Jesus

Anmerkungen zu einer Fernsehsendung des ZDF, erstmals gesendet am 22.4.14, 19.30 Uhr

Siehe:
http://www.zdf.de/dokumentation/strafsache-jesus-faktencheck-mit-petra-gerster-zu-ostern-und-kreuzigung-32507580.html

... zu deren Inhalt, aber
zwangsläufig auch einige notwendige Abschweifungen und "Auffächerungen" hierzu

Leider kann man sich nicht entspannt zurücklehnen und darauf hinweisen, dass die professionellen Schreiber in den Printmedien anschließend alles Notwendige zu dieser Sendung und zu diesem Thema kritisch aufgreifen, beleuchten und kommentieren würden. Leider überfordert dies wohl so gut wie alle – oder man scheut einfach tiefergehende Konflikte mit den offiziellen Glaubensvertretern. Mehr Wissen tut not – wie immer, wenn es um Religion und Kirchen geht.

Wie rudimentär das allgemeine Wissen bzw. besser Nicht-Wissen ist, belegen einige Kommentare in den Zeitungen, so dass durchaus noch erheblicher Aufklärungsbedarf besteht, um tatsächlich aufgrund der heute bekannten Fakten zu einer realistischeren "Betrachtung" dieses Ereignisses zu kommen. Wenn man zigfach falsche Bausteine in diesem Puzzle belässt, so bleibt jegliches Ergebnis ohnehin fragwürdiger als es eben sein dürfte bzw. müsste. Zum Beispiel wird ein triumphaler Einzug Jesu in Jerusalem geschildert. Man wedelte angeblich mit "Palmzweigen" ... Entweder waren diese die verdorrten Zweige vom Vorjahr (!) oder der Einzug fand gar nicht im Frühjahr statt! Kleinigkeiten – aber auch dies sind deshalb gerade sehr verräterische Kleinigkeiten. Darüber gibt es folglich auch unterschiedliche Ansichten. Wichtig ist aber einfach auch hier: Da stimmt doch was nicht!

Überhaupt ist zu derartigen Sendungen immer wieder anzumerken, dass dabei auch vollkommen Unstrittiges oder Irrelevantes berichtet und somit der "objektive Gehalt" aufgewertet wird, in dessen Folge dann höchst strittige und unglaubhafte Aspekte klammheimlich eingestreut werden. Es empfiehlt sich tatsächlich, bei allen Berichten ganz genau auf einen Wortlaut zu achten. Direkt lügen oder sein wissenschaftliches Renommee gefährden, will nur selten eine/r der Interviewten, die unverschlüsselte Wahrheit sagen und persönliche Überzeugung darzulegen, geht oft aber aus "Abhängigkeitsgründen" und Religionsgebundenheit erst recht nicht. Also: Zwischentönen oder blumigen Ausführungen kritisch folgen!

Zurück zum Beitrag: Wäre es glaubhaft, dass dieser galiläische Jesus bei seinem erstmaligen Einzug in Jerusalem derart begeistert empfangen worden wäre? - Wie es auch in dieser Sendung dargestellt wird? - Und dann nach einer Woche "den Tod" nach dem Geschrei genau dieser Menge verdient hätte? Was außer Tische im Vorraum zum Tempel (wo notwendigerweise Geld umgetauscht wurde) umschmeißen, hätte er noch getan oder was war von ihm überhaupt bekannt? Seine Gleichnisse und Sprüche interessieren heute nicht einmal die Kirchen mehr bzw. diese verheimlichen oder beschönigen diese oft fragwürdigen "Sinnfindungen". Auch damals waren diese, so wie sie überliefert wurden, durchaus kein "theologischer Sprengstoff", sondern Gedanken wie sie allerorten und auch von anderen aufgegriffen worden waren. Er kam aus dem wenig angesehenen Galiläa (Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?), einer auch bei den Juden bestens bekannte Teil-"Provinz". Und als "Messias" hat sich Jesus weder ausgegeben, noch ist irgendwo ersichtlich, wieso ihm dieser Ruf so vorausgeeilt sein soll.  Genauso wenig wie "König" übrigens. Dies alles ist nach Auffassung sehr vieler Historiker und Theologen erst "nachösterliche" Dichtung der Gemeinde. Und dass die jüdische Oberschicht seinen Tod wollte, ist auch kaum verständlich. Wäre er als "Messias" und das heißt vor allem als "weltlicher Befreier des jüdischen Volkes" in Jerusalem eingezogen, da hätte es nur eines Hinweises an den römischen Statthalter oder seine Garde bedurft: "Seht und hört mal, wer da einreitet ...!" - und der Spuk hätte unverzüglich sein Ende gefunden. Mit Aufrührern machten die Römer stets kurzen Prozess – und hätten ihn schon gar nicht noch einige Tage predigen lassen.

Das einzige, was Römern, wie dem Hohepriester nicht gefallen haben kann, ist der Aufruhr im Tempel, richtiger: vor dem Tempel. Aber für die Römer war dies - so wie es dargestellt wird - eine jüdische Angelegenheit, die alleine durch die Tempelpolizei zu regeln gewesen wäre.

In der Sendung geht man auch wieder von einem "Verrat Judas" und gar seinem berühmten Kuss aus. Wozu ein niederträchtiger Verräter den Verratenen auch noch küssen soll, erschließt sich auch allen unabhängigen Theologen nicht. Auch nicht, was denn ein Motiv sein sollte. Die Geldgier war es gewiss nicht – auch dies nur eine spätere Ergänzung, um überhaupt etwas anführen zu können. Ersichtlich ist auch nicht, warum man einen "Verräter" brauchen sollte. Das wäre gerade so, als bräuchte man in München einen Verräter, am besten einen namens Sepp, um einen Uli Hoeneß aufzustöbern, der irgendwo im Hofbräuhaus sitzen soll. Übelste Propaganda, die in der Sendung in Bezug auf Judas in keiner Weise richtig oder als fraglich hingestellt wurde. Nicht einmal seine verschiedenen Todesarten (glaubensfestigende Steigerungen) werden als widersprüchliches und durchsichtiges Manöver hinterfragt. Einen "Judas" gibt man als Sündenbock nicht so einfach frei, indem man zugibt, dass wohl eindeutig theologische Motivationen diese Geschichte hervorgebracht haben. Die Silberlinge, die es damals schon gar nicht mehr gab, werfen auch hier als "Kleinigkeit" wieder ein bezeichnendes Licht auf die späten und fernen Evangelisten.

Schon gar nicht problematisiert wurde, dass die Evangelien nach "allgemeinster Überzeugung" erst nach 70 geschrieben wurden. Schön eingeblendet war zu lesen, dass der Tempel im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Dass damit jedoch eine krasse Umdeutung der gesamten Überzeugungen hinsichtlich der Wirkung eines Jesus ebenfalls "zerstört" oder zumindest maßgeblich umgekrempelt wurden und fortan die paulinisch-hellenistisch Variante die eines jüdisch orthodoxen Christentums durch Jakobus, den Bruder Jesus, wohl auch Petrus, aber vor allem eine irgendwie an den Aussagen des historischen Jesus selbst sich orientierenden Christentums vollständig verdrängte, wurde natürlich wegen ihrer dann erkennbaren wahren Wurzeln ausgeblendet. Ich gebe zu: Damit darf man auch nicht in einer derart kurzen und verallgemeinernden Fernsehsendung rechnen. Wer "70" nicht verstanden hat, hat das ganze Christentum nicht verstanden!

Immerhin wurde (durch die Verantwortlichen dieses Beitrags) herausgearbeitet, dass es durchaus nicht "die Juden waren", die für den Tod Jesu verantwortlich waren. Dies ist der neuzeitlichen politisch dringend gebotenen Entlastung "der Juden" dann doch geschuldet. Diese durch den Nationalismus deutlich gewordene historische Spur des "Glaubens" gilt es auf alle Fälle zu verwischen bzw. nun vermeintlich durch eine "Schuldbefreiung" aufzuarbeiten. "Vermeintlich" deshalb, weil gerade dieser Zusammenhang ausgeblendet bleibt. Ohne eine jahrhundertelange kirchliche Indoktrination hätte ein Nationalismus, der sich aufgemacht hätte, Antisemitismus/Antijudaismus zu erfinden (!), überhaupt keine Chance auf weitgehende bzw. stillschweigende Akzeptanz oder Duldung gefunden. Und auch der Antisemit Luther hat auf diesem Gebiet seine "Verdienste", wie den allermeisten Theologen durchaus bekannt ist. Auf die Frage nach der Schuld am Tode Jesu antwortete der Historiker Demandt am Ende des Beitrags in erfrischender Deutlichkeit und Ehrlichkeit: "Jesus selbst". Darauf müsste eigentlich auch jeder denkende Mensch heute von alleine kommen, wenn er denn nur irgendwas aus den Evangelien für schlüssig erachtet. Demandt begründet dies damit, dass Jesus jederzeit die gegen ihn erhobenen Vorwürfe vor Pilatus, er wolle "als König der Juden" angesehen werden, schlichtweg hätte verneinen und abstreiten können. Zeugen für diesen Herrschaftsanspruch gab es nicht einmal nach den Evangelien. Und alles, was man in den Evangelien lesen kann, gibt ja gerade nicht etwas für einen sich selbst ernennenden "Königsaspiranten" und gewaltbereiten Umstürzler (Messias) her. Damit ist "weltlich" schon fast alles gesagt. Zu ergänzen wäre natürlich, dass Jesus vor seiner Verhaftung jederzeit hätte fliehen können – wie es ja seine Jünger dann nach seiner Verhaftung nach den Texten der Evangelien getan haben sollen. Wenn er es trotz glasklarer Voraussicht und in Erwartung seines Todes, gar als "Gottessohn" dies nicht und auch sonst nichts tat, so kann man ihm wohl auch eine schon grobfahrlässige Mitwirkung an einem Justiz-Mord zuschreiben bzw. dies schlichtweg einfach als gewollten Selbstmord bezeichnen. Auch wenn es "nur" aus Gehorsam gegenüber seinem Gott bzw. "Vater" geschehen sein soll. Aber so weit treibt natürlich niemand die Argumentation. Man muss nicht zynisch werden, es genügt, auf die Unplausibilitäten der ganzen Geschichte, aber auch auf die der "zusammen gebastelten Einzelheiten" einzugehen. Dass man ihm ohne seinen Willen als wundertätigem Gottessohn ohnehin nichts hätte anhaben können, wird vorsichtshalber nicht thematisiert. Dass er seinen Tod "als Erlösung für die Welt" verstanden haben wollte, wird  inzwischen von allen einigermaßen unabhängigen Historiker und Theologen als vollkommen unhaltbare, lediglich "nachösterliche" Erfindung der Gemeinde bzw. Verkündung des Paulus angesehen. Aber diese Fragwürdigkeiten können in einer "informierenden und mit den herrschenden kirchlichen Sichtweise respektierenden Sendung" nicht dargestellt werden.

Was richtig erkannt wurde: Es gab weder einen förmlichen Prozess vor dem Sanedrin/Synhedrion (dem höchsten jüdischen Rat mit 70 Mitglieder), so wie dies in den Evangelien dargestellt wurde, noch gar einen öffentlichen Prozess eines Pilatus mit seinen verkrampften Rechtfertigungsversuchen vor einem jüdischen Pöbel! Und sicherlich gehörten zu diesem Pöbel nicht auch noch die Ratsmitglieder. Und dass dieser Teil auch in dieser Sendung als "unglaubwürdig" dargestellt wurde, sollte auch einem Gläubigen schwer zu denken geben. Schließlich geht es hier um den Kern dieser Botschaft.

Und da wir bei dieser Sendung bei einem "Fakten-Check" sind, einmal kurz nachgefragt:
Ein Ohr, zwei Schwerter, drei Kreuze?
Zwei Schwerter: Woher? Wie bezahlt, wo doch Judas gerade kassiert haben soll? Derartige Bewaffnung stellte selbst schon ein "kreuzwürdiges" Verbrechen dar. Wie durch die Stadt transportiert? "Zwei seien genug" – das gibt die weitere Geschichte aber nicht her. Es sei denn, man rechnet zwei Schwerter für ein Ohr, das abgehauen worden sein soll. Eine wundersame "Schwerter-Vermehrung" für die angegriffene "Jesus-Truppe" analog der Brot-Vermehrung bei einer Hochzeit fand jedenfalls gerade nicht statt.
Ein Ohr: Das wurde zwar abgehauen – aber von Jesus wieder an Ort und Stelle "angeheilt". Merkwürdigerweise erfolgte auf diese Attacke keinerlei Prügelei oder Knüppelei. Die Häscher sahen anscheinend auch keine Notwendigkeit die gesamte Bande dingfest zu machen, sondern begnügten sich damit den Anführer dieser Truppe mitzunehmen.. Und das, obwohl doch die entkommenen Jünger allen Anlass gehabt hätten, genau jetzt die Botschaft der Verhaftung an andere weiterzutragen und damit richtig zurückzuschlagen. Aber offensichtlich hatte die Häscher ja erkannt, dass sie hier nur Weicheier vor sich hatten, deren einzig Sorge war, möglichst schnell das Weite zu suchen.  Aber wer sollen denn diese Häscher gewesen sein? Und wohin brachten sie ihn? Die römische Truppe unter dem Befehl des Hohepriesters? Juden als Kampftruppe für Pilatus? Alles nur wirr und absurd.
Drei Kreuze: So kennen wir das Bild – Jesus in der Mitte (oft gar mit höherem Kreuz!) und rechts und links Statisten. Aber wer waren denn die? Gewöhnliche Verbrecher? Auch bei denen Eilbedürftigkeit? Wo doch jedes Kreuz mehr den Volkszorn zumindest gegen diese Art der Bestrafung überhaupt schüren konnte? Heute können ja die Gläubigen froh sein, das Markus oder Matthäus nicht irgendwo im Alten Testament etwas von rechts oder links in einem Prophetenausspruch gelesen haben, sonst wäre die Darstellung endgültig schief.

Alle diese literarischen "Kompositionsmerkmale" werden beim "Fakten-Check" nicht einmal hinterfragt.


Was zudem fälschlich dargestellt bzw. unterlassen wurde richtig zu stellen:

"Rom" war Besatzungsmacht und die Juden mit ihrer Religion waren ein ständiger Unruheherd und bei den Besatzern entsprechend "unbeliebt" – wenn man das Verhältnis so beschreiben mag. Ein Präfekt wäre in einer derart schwierig zu beherrschenden Provinz vollkommen unhaltbar, wenn er tatsächlich so agiert hätte, wie dieser "zaudernde" Pilatus:
Sich als verantwortlicher Gerichtsherr nach jüdischem Brauch (!) zur Entschuldigung (gegenüber wem eigentlich?) "die Hände in Unschuld waschen"? -  Schlichtweg undenkbar für einen "Herrscher". Pilatus war ein rücksichtsloser Vertreter der Besatzungsmacht – und konnte unter den damaligen Verhältnissen vermutlich auch gar nicht anders agieren. Hinrichtungen ordnete er vielfach und auch ohne Prozesse an. Ordnung im Ganzen und Unterordnung der Juden waren allerhöchste Gebote.

Ein Wahlrecht des Pöbels zur Freilassung eines Gefangenen? Diesen "blumig geschilderten" Brauch gab es weder nach römischem, und auch nicht nach jüdischem Recht. Wie auch? Ausgerechnet einen "Aufrührer" freizulassen, den man in der Gewalt hat? Dem man soeben noch einen Umsturzversuch und Aufruhr unterstellte? Und sich dann als oberster Richter und römischer Machthaber der Besatzungsmacht sich einem grollenden jüdischen Pöbel beugen? Absurder geht es kaum. Auch dies wurde in diesem Beitrag – trotz Glaubensfreundlichkeit - doch ziemlich relativiert.

Und wenn Jesus gekreuzigt wurde, dann "nach römischem Recht" und eben von Römern, "nach jüdischem Recht" und "den Juden" wäre er gesteinigt worden. Kreuzigung war keine jüdische Hinrichtungsart und gerade eine jüdische Oberschicht hätte es gar nicht wagen dürfen, die bekannte Hinrichtungsart der Römer nun auf einmal selbst zu übernehmen. Übrigens wurde auch nie ein Prophet in Jerusalem getötet – wie fälschlich zur Steigerung der Dramatik behauptet wird. Messias durfte sich ohnehin jeder nennen und wer es wäre, dass würde sich ja – dann vollkommen zu recht – erweisen. Es kam aber nie einer, der diese Rolle tatsächlich im prophezeiten Sinne ausgefüllt hätte. Und ob der jüdische Sanedrin nicht selbst  in religiösen Angelegenheiten das Recht gehabt hätte, eine Todesstrafe auszusprechen ist strittig. Als Geschichte wäre es jedoch nur schwer vermittelbar gewesen, das Ende Jesu als rein innerjüdische Angelegenheit herauszustellen. Der "Welterlösungsanspruch" der sich gründenden Kirche hätte es mit einer derartigen Ausgangslage im maßgeblich römischen geprägten Ausland erheblich schwerer gehabt. Kein Heide hätte sich für eine Religion interessiert, bei der Juden einen Juden umgebracht hätten. Mit der wie auch immer gearteten Einbindung Roms hatte die Geschichte zumindest vordergründig auch einen "weltpolitischen" Anspruch. Auch wenn diese Einbindung quasi über eine wenig ruhmreiche Einbindung erfolgen musste. Und dies unabhängig davon, dass es die Römer waren, die Jesus gekreuzigt hatten. Aber die Kurve zur Entlastung der Römer und zur Belastung "der Juden" hat man am Ende dann doch geschafft – und alles andere wäre heute selbst nach christlicher Sichtweise letztlich nur noch "unvertretbar".

Vollkommen unglaubhaft ist auch das Festhalten an einem "besonderen Grab". Wie sonst nicht oft genug betont werden konnte und kann, ist die Kreuzigung die schmählichste und grausamste Todesstrafe, die man kannte. Und genau so war sie schließlich gewollt. Sie wurde von Rom nie gegen Bürger, sondern nur gegenüber Sklaven und "Staatsverbrechern" ausgesprochen. Eine objektiv durchaus richtig eingestreute Feststellung. Der Verurteilte sollte möglichst lange Qualen erleiden und "beschämend" –  und wohl auch nackt – zur Abschreckung aufgehängt werden. In der Regel auch nur an Stricken, was aber durchaus qualvoll genug war und wäre und zwangsläufig zu Tode führt. Das "Nageln" – gerade bei Jesus so in den Vordergrund gestellt -, dürfte die Ausnahme gewesen sein. Und schon gar nicht hätte dies durch die Handflächen erfolgen können (wie dies so anschaulich auf Kruzifixen zu sehen ist!), da so das Körpergewicht nicht haltbar gewesen und die Hände schlicht aufgerissen worden wären. Aber das nur nebenbei. Immerhin wurden diese technisch-anatomischen und medizinischen "Kreuzigungs-Feinheiten" (Tod letztendlich durch Ersticken) auch einmal angeführt. Diesem objektiv unstrittigen Aspekt wurde zur Füllung (s.o.) dann reichlich Sendeplatz eingeräumt, um das folgende Ungesicherte dann so wieder etwas glaubhafter erscheinen zu lassen.

Überraschend ist immer wieder als wie "einzigartig" die Kreuzigung Jesu dargestellt wird. Man müsste in diesem Zusammenhang aufgrund dieser Blickverengung einmal deutlich herausstellen, dass während er römischen Herrschaft zigtausende gekreuzigt wurden. Sei es nach dem Aufstand des Spartacus, sei es in Judäa. Es war üblich und es darf auch bezweifelt werden, dass ausgerechnet Jesus dabei den "qualvollsten" Tod erlitten hatte. Er starb schließlich bereits nach 6 Stunden, wie man lesen kann, während andere, ggf. mit zerschmetterten Beinknochen zuvor schon tagelang am Kreuz hingen.

Wieso hätten sich die Römer am jüdischen Brauch orientieren sollen, dass über Pessach/Passah keine Leiche am Kreuz hängen sollte? Wenn man sich derartiger Rücksichtsnahmen hätte befleißigen wollen, dann hätte man auch bis nach den Feiertagen warten können. Eine Kreuzigung dauerte bis zum Tod oft drei Tage. Nach den Evangelien war Jesus aber schon nach sechs Stunden tot. Das mag auf sich beruhen. Dass man dann aber dann gestattet hätte, einen Gekreuzigten in ein "ordentliches" Grab zu legen und den Anhängern damit naheliegend quasi eine Kultstätte geschaffen hätte, ist absurd. Gekreuzigte wurden nach ihrem Tod "schmählich" in eine Grube geworfen und somit sogar den Tieren überlassen. Das gehörte einfach dazu. Und wer hier etwas anderes hätte zelebrieren wollen, der hätte vermutlich als nächster am Kreuz gehangen.

Dass sich ein Jude (Josef von Arimathäa) in dieser Situation als Anhänger "geoutet" hätte, ist vollkommen unglaubhaft. Woher sein Glaube – und an was? Vor allem deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt niemand etwas von einer "leiblichen Auferstehung" wissen konnte oder dies nur hätte erahnen können. Die "Mission Jesu" war durch seinen Tod gescheitert. Und davon ging anscheinend sogar er selbst aus ("Warum hast du mich verlassen?!") und gingen zunächst auch selbst die Jünger aus. Und eine Stadt "Arimathäa" gab es nachweislich auch nicht. "Arimathäa" heißt "der von dem Tode" – wie so oft eine ausgebildete Fantasiegeschichte aus einer Programmatik. Zu Recht übertrug man ihm nicht einmal die Apostel-Würde, sondern ließ ihn in der Versenkung verschwinden. Auch hier blieben die Fakten "gläubig".

Falsch war auch die Darstellung, dass eine Tafel (Titulus) mit der Abkürzung "I.N.R.I" an sein Kreuz angeschlagen worden wäre. Diesen Brauch gab es weder in Rom noch in den Provinzen und diese Darstellung dient auch hier nur zur folkloristischen Ausschmückung. Die Römer hatten sicherlich kein Interesse, bei einer Hinrichtung auch noch den Vorwurf sozusagen zu "protokollieren" – und als ob dies nach Besatzungsrecht und Prozessführung überhaupt Sinn gemacht hätte. Für sie war dies eine Hinrichtung wie bei hunderten anderen auch – und wieso sollten sie da auf einmal einen "Protokollvermerk" für das spätere Christenvolk vorsorglich mal mit annageln? Wer sich für die Vorwürfe interessierte, der hätte es schon herausbekommen können. "Abschreckung pur" (d.h. ohne Angabe von Gründen) war sicher eine noch viel einprägsamere und verängstigendere. Das sage jetzt ich – gelesen habe ich von dieser Schlussfolgerung allerdings noch nirgends.

Was aber generell unangenehm aufstößt, ist, so zu tun als sei eine "Kreuzigung Jesu" ein derart einmaliger und ungeheuerlicher Akt gewesen, der quasi aus seiner historischen Einmaligkeit heraus eine ganz besondere Aufmerksamkeit und eine ganz besondere Bedeutung erlangt hätte. Kreuzigungen waren gerade in Judäa für die Römer "Alltagsgeschäft". Bei einzelnen Aufständen, die selbstverständlich zur Verharmlosung der Beziehung zwischen Römern und Juden erst gar nicht erwähnt werden, wurden manchmal hunderte "gekreuzigt". Und diese haben sicherlich genauso unter dieser Bestrafung zu leiden gehabt – wenn nicht sogar mehr – als Jesus. Mehr zu leiden gehabt, hat auch Giordano Bruno, den man als Ketzer, weil er z.B. an die Unendlichkeit des Universums glaubte, nach Jahren der Folter durch die Inquisition dann schließlich in Rom verbrannte. Und wenn schon, dann setzt dies einen "Maßstab" für die Verbrechen der Kirche und nicht das einige Jahre später folgende Geplänkel um einen "Galilei" und seine Weltsicht.

Auch die Geschichten um die Grabeskirche, den Hinrichtungsort wurden glaubensbedingt geschönt übernommen. Dass erst die "Kaiserin-Mutter Helena" rund 300 Jahre nach der Hinrichtung Ort und Kreuz ("die wahren Splitter vom Kreuz Jesu") gefunden haben will, setzt schon ein gewaltiges Glaubensaufgebot und Denkverweigerung voraus. Schließlich wollte ihr Sohn ja quasi das Erbe eines auferstandenen Gottes antreten – und da kommen die "aufgefundenen Utensilien" gerade recht. Und so entstand auch der abergläubische Reliquienhandel. Gerade bei der Archäologie kann man wohl des Öfteren vermuten, dass da die Wunsch Vater des Gedankens ist. Nachdem nahezu drei Jahrhunderte keinerlei christliches Interesse an Grab, Hinrichtungsort, Kreuz oder Reliquien festzustellen war, "boomt" diese Frömmigkeit auf einmal mit dieser kaiserlichen ehemaligen Schankwirtin. Wer glaubt denn so was im Ernst?

Immerhin wurde an vielen Stellen in der Sendung deutlich, wie sehr die Evangelisten hier Propaganda-Schriften verfasst und keine Tatsachenberichte abgeliefert haben. Aber vielleicht braucht man auch ein gut geschultes Ohr , um theologisch geschulte Umschreibungen mit ihrem Kern zu erkennen, die zwar nicht als gelogen bezeichnet werden müssen, aber durch ihre Verklausulierungen die Wahrheit hinter der Glaubenswahrheit stets - mal mehr mal weniger - geschickt verschleiern.  Aber leider ist zu befürchten, dass die üblichen glaubensbedingten Wahrnehmungsstörungen bei nur mäßig Interessierten und gläubig Geprägten das Gehörte erst gar nicht vom Ohr ins Gehirn gelangen lassen. Und so zeigt sich bei letztgenannten auch weiterhin "die Glaubensstärke".

Überraschend kam dann doch der Schluss durch die Moderatorin: "Jesus wurde rechtmäßig verurteilt!" Mit dieser Aussage müssten "echte Christen" doch ihre Probleme haben – oder??  Worin bestand denn dann aber überhaupt das Verbrechen des Judas, wenn der Prozess und damit dann auch die Strafe "rechtmäßig" waren? Zudem gilt anzumerken, dass vor allem Paulus, aber auch dann Luther bescheinigen, dass doch jeglicher Obrigkeit (ohne Einschränkungen!) von Gott eingesetzt und damit auch ihre Handlungen rechtmäßig seien. Kurz: Wer den Schilderungen konsequent nachgeht, stößt zwangsläufig auf Peinlichkeiten, Widersprüche, krass Unlogisches und Unwahrscheinlichkeiten, wenn nicht gar auf Irrtümer oder ausgemachte "Kompostitionsszenarien" – eben Flickwerk.


Ein Nachwort:

Bei vielem liegt es viel näher, um nicht zu sagen sogar direkt auf der Hand, davon auszugehen, dass die ganze Geschichte lediglich eine freie literarische Gestaltung des ersten Evangelisten Markus (wer immer das auch gewesen sein soll) und der ihm nachschreibenden anderen Evangelisten ist. Aber es bedarf durchaus nicht einmal dieser radikalen Interpretation, da mit den Einzelheiten aus sich heraus bereits eindeutige und glaubensverneinende Schlussfolgerungen aufdrängen. Aus einem anfänglich vielleicht mehr "symbolischen" Weiterleben ("Das hätte … jetzt auch gesagt") wurde eine wohl mehr geistig zu verstehende "Auferstehung" und diese wiederum wurde für die anspruchsloser denkenden Menschen dann schnell gar zu  einer leiblichen. Vor allem weil die Menschen glauben wollten, es gäbe ein Weiterleben oder eine Auferstehung. Und zu diesem Leib musste eine glaubhafte Lebensgeschichte, sozusagen als Vorgänger-Modell gesponnen werden. Wer als Mensch aufersteht, muss ein Gott sein, und wer davor doch Mensch war, der musste doch gelebt und etwas vorgelebt haben. Diese Lücke wurde so eben erfolgreich gefüllt und eine Kirche bemächtigte sich dieser Ausgangsreligion und bildete diese nach ihren theologischen Ansprüchen weiter.  Widersprüche, Unwahrheiten, Unwahrscheinlichkeit und Absichtsdarstellungen in den Evangelien geben so insgesamt ein zwar wenig überzeugendes, aber für viele Menschen eine doch irgendwie denkbare, richtiger: glaubbare Version dieser Ereignisse wieder. Damit ist zwar noch nicht alles gesagt, was man da als fernsehgerechten und volkstümlich anzubietenden "Fakten-Check" auftischte, aber immerhin konnte man erkennen, dass da vieles wohl ein bisschen anders war, als man so gemeinhin "glaubt".


Roland Weber