Über Wissen, Glaube und Aberglaube

(16.08.2016)

Falls beten nicht hilft, einfach drei Mal auf Holz klopfen. (Annette Sievers)

Mit einer Religion, die das römische Weltreich sich unterworfen und den weitaus größten Teil der zivilisierten Menschheit 1800 Jahre lang beherrscht hat, wird man nicht fertig, indem man sie einfach für von Betrügern zusammengestoppelten Unsinn erklärt. Man wird erst fertig mit ihr, sobald man den Ursprung und ihre Entwicklung aus den historischen Bedingungen zu erklären versteht, unter denen sie entstanden und zur Herrschaft gekommen ist. Und namentlich beim Christentum. Es gilt eben die Frage zu lösen, wie es kam, dass die Volksmassen des römischen Reiches diesen noch dazu von Sklaven und Unterdrückten gepredigten Unsinn allen anderen Religionen vorzogen, so dass endlich der ehrgeizige Konstantin in der Annahme dieser Unsinnsreligion das beste Mittel sah, sich zum Alleinherrscher der römischen Welt emporzuschwingen. (Karl Marx)

Dass der Glaube etwas anderes sei als der Aberglaube, ist der größte Aberglaube. (Karlheinz Deschner)

Was wissen Sie vom Glauben? Was glauben Sie zu wissen? Was glauben Sie zu glauben? Was glauben Sie vom Glauben zu glauben? - Sicherlich werden Sie diese Fragen schnell als zu persönlich und anmaßend zurückweisen. Ich erwarte keine Antwort und muss mich für diese Fragen auch umgehend entschuldigen. Was geht es mich an, was Sie wissen oder was Sie glauben? Aber vielleicht suchen Sie für sich selbst einmal nach Antworten. Das könnte ja ganz spannend werden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass nach einem zu vervollständigen Satzbeginn mit „Ich glaube, dass ...“ den meisten Gläubigen schon dann der Kugelschreiber aus der Hand fällt. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich glaube, dass bei Vollmond blaue Bananen im Abstand zwischen Mond und Erde um uns herumfliegen, würden Sie das glauben? Würden Sie glauben, dass ich das tatsächlich glaube? So ist es mit dem Glauben: Es geht keinen anderen etwas an, an was ein anderer glaubt und keiner muss Rechenschaft darüber ablegen, was er glaubt. Es muss noch nicht einmal stimmen, was er behauptet zu glauben. Er kann etwas glauben, obwohl ihm sein Verstand sagt, dass dies unglaubhaft ist. So ist dies mit der Glaubensfreiheit jedenfalls heutzutage und bei uns in Deutschland. Aber das war durchaus schon anders. Und das mit spürbaren Folgen für Geist und Leib. Das sollt man niemals vergessen.

Manchmal denke ich, dass es zu schade ist, dass es keinen Glaubensführerschein gibt. So wie man beim Autofahren nachweisen muss, dass man mit der Technik und den Gegebenheiten des Fahrzeugs und den Verkehrsregeln vertraut ist, so sollte es einen Glaubensschein für Gläubige geben. Jedenfalls schießt mir dieser Gedanke immer wieder blasphemisch durch den Kopf, wenn ich mit Gläubigen ins Gespräch komme. Diesen Kompetenz-Nachweis dürften natürlich keine Atheisten, Anders- oder Ungläubige durch ihre Fragen einfordern wollen, sondern amtliche Glaubensfeste. Ein amtlich verbürgtes Basiswissen in Glaubenssachen sozusagen. Und vor allem einfach ganz Einfaches. Mir würde das gefallen, weil es Klarheit schaffen würde. Ich vermute, die Kirchen müssten nach einem Test viele Gläubige als Schäfchen aussortieren. Einfach zu wenig Wissen, schon zu wenig gewusster Glaube, von Wissen an sich in Glaubensdingen gar nicht zu sprechen. Ein Übermaß an persönlich Zurechtgerücktem, persönlich Geglaubtes, ganz große Relativierung und Ausschweigen - aber das alles in auffälligem Gegensatz zur Amtsmeinung. Jesus liebt dich – und sonst? Die Anzahl der Kirchensteuerzahler würde vermutlich geradezu implodieren. Deshalb macht man es natürlich auch nicht. Die Einfalt pflegen und einfältig sein, ist nicht dasselbe. Schließlich sind die Einnahmen für einen Glaubenskonzern das A und O seiner Existenz. Man würde sich vermutlich wundern, mit wie viel Fantasie die persönlichen Glaubensgrundlagen ausgemalt und vehement verteidigt würden. Dieses Engagement wünsche ich mir bei Gläubigen auch einmal bei deren persönlicher Erforschung ihrer eigenen Glaubensgrundlagen. Aber dort trifft man viel mehr auf die Erkenntnis: Je weniger einer weiß, um so weniger will er wissen.

Wenn ich über religiösen Glauben und hier aus naheliegenden Gründen vor allem über das Christentum schreibe, dann tue ich dies nicht, um ein altes Mütterchen zu verunsichern, das sich in ihren letzten Tagen mit einem Rollator noch Trost suchend in die Kirche schleppt, sondern weil sich die Kirchen auf unerträgliche Weise am Aberglauben ihrer Gläubigen bereichern und mit ihren Sinn- bzw. Unsinnsvorstellungen einer humanitären Entwicklung schon immer im Weg gestanden haben und eben immer noch stehen. Wie kann es sein, dass Organisationen, die sich im Laufe der Geschichte nicht mehr zählbarer Verbrechen schuldig gemacht haben (Versklavungen, Kreuzzüge, Kriege, Folter, Scheiterhaufen, Hetzen, Diskriminierungen, Urkundenfälschungen, Betrug in allen Schattierungen usw.), gar noch als moralische Instanzen in unserer heutigen Gesellschaft auftreten dürfen und können? Wären die Kirchen nur immens reich, so ginge mich das nichts an, wenn es sich nur um das Geld ihrer Gläubigen handeln würde. Es sind aber auch Milliarden aus allgemeinen Steuergeldern, die keine derartige Bereicherung rechtfertigen können. Es ist auch die Macht in der Politik und in der Gesellschaft, die kein Atheist, Nichtgläubiger oder Andersgläubiger in diesem Ausmaß und im Widerspruch zu unseren Verfassungsgrundlagen hinzunehmen bereit sein sollte.

Wenn man über Wissen, Glauben und Aberglauben schreiben will, dann stellt sich schnell die Frage, was können wir wissen, oder was sollten wir wissen. Das ist gar nicht so einfach – und schon gar nicht, wenn es um den Glauben geht. Als Kind wusste ich, dass drei Hornissenstiche einen Menschen töten und sieben Stiche ein Pferd. Ich wusste auch, dass das Trinken von Wasser nach dem Verzehr von Kirschen den Magen aufbläht und dies zum Tode führen kann. Und so gibt es eine endlose Liste von einstigem Wissen, das über eine vermeintliche Wissenskiste in die Glaubenskiste und anschließend in die Aberglaubenskiste gerutscht ist. Bei mir kann eine schwarze Katze von rechts nach links streunen oder eine Schafherde rechts oder links grasen, der Schornsteinfeger mich grüßen oder das Horoskope in Sachen Geld zur Vorsicht mahnen. Ob eine besprenkelte Oblate angenehmer auf der Zunge liegt als eine unbesprenkelte hat sich in meinem Erfahrungsschatz auch noch nicht niedergeschlagen.

In Fragen der Naturwissenschaft bzw. Wissenschaft generell und in Fragen des Glaubens besteht nun jedoch ein großer Unterschied zwischen Annahmen bzw. fälschlichem Wissen. Bei ersterem kann man zwar oft uneingeschränkt von Wissen sprechen. Eins und eins ergibt nun mal zwei und ich wüsste nicht, warum man dies bezweifeln könnte oder sollte. Ob aber der ausgewiesene Testsieger bei einem Warenvergleich tatsächlich das beste Produkt ist, könnte dennoch fraglich sein. Dieses Wissen mag wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutreffend sein, aber dennoch sollte man im Leben nie vergessen, was man selbst schon zu wissen glaubte, und am Ende dann doch so gar nicht mehr glaubte. Glauben und Wissen sind eben zwei Schalen einer Kippwaage, wie schon Schopenhauer feststellte: Steigt die eine fällt die andere – und umgekehrt.

Wenn man selbst Wissen erworben hat, kann man dies oder sollte man dies weitergeben. Warum sollte ich also jemanden nicht sagen, welcher Staubsauger im Test am besten abgeschnitten hat? Warum sollte ich nicht vom Kauf eines Modells abraten, von dem ich gelesen habe, dass es schlecht abgeschnitten hat? So kann man auch in Sachen Glauben etwas durchaus wissen, und auch wissen,, was und warum etwas falsch, unvereinbar widersprüchlich oder nachweislich erfunden ist. Das geht. Ein Bekannter wäre für eine Information über ein Produkt, dessen Kauf er erwägt, sicherlich dankbar. In Sachen Glauben könnte sich diese Dankbarkeit allerdings schnell verflüchtigen. Da ertragen nur die wenigsten Menschen ungefragte Wissensvermittlung. Was das beste Produkt ist, wird vermutlich jeder wissen wollen, der vor einer Kaufentscheidung steht. Dass es an Weihnachten nach dem Wissen (!) der Historiker nie eine Geburt eines Gottes gegeben hat, dass es keine Prozess Jesu gegeben haben kann, wie dies berichtet wird, wird im kommunikativen Bereich sehr schnell grenzwertig. Der Verstand hat nach Überzeugung vieler Menschen und vor allem der Gläubigen in Glaubensdingen nichts verloren. Das entspricht nicht zufällig auch der offiziellen Glaubensdogmatik. Selbst dass Daten und Fakten nachweislich falsch sind, dass zwei Aussagen vollkommen gegensätzlich und damit unvereinbar sind, wird deshalb wohl durchaus nicht immer wohlwollend und interessiert zur Kenntnis genommen, als zutreffend anerkannt oder gar akzeptiert.

Im Glaubensbereich wird oft damit argumentiert, dass man hier den Sinn des Lebens finden könne. Nie wird gefragt, was der Sinn von Wahrheit sein könnte. Ein uraltes religiöse Dilemma: Sinnerfahrung gegen Wahrheitserfahrung. Man könnte den Sinn auch durchaus und autonom darin finden, dass es an jedem Menschen selbst liegt, welchen Sinn er seinem Leben gibt. Es gibt keinen Sinn des Lebens, allenfalls den Sinn des eigenen Lebens. Und man könnte auch vertreten, dass es eine ethische Anforderung ist, nach mehr Wissen und mehr Wahrheit zu streben.  Man kann genau dies aus ganz persönlichen Gründen ablehnen. Das will ich gar nicht wissen, was soll man dagegen noch sagen? Aber die Menschen sollen keine Früchte vom Baum der Erkenntnis essen, das steht ja so schon in der Bibel. Da steht auch, dass man auch Menschen an ihren Früchten erkennt. Das gilt auch für ihre Denkfrüchte. Abgesehen vom biologischen Aspekt: Vieles bleibt fruchtlos.

Bei der Verfilmung einer Krimi-Serie mit dem Titelheld Sherlock Holmes mokiert sich ein Gesprächspartner, dass Sherlock Holmes ja nicht einmal wüsste, dass die Erde keine Scheibe, sondern kugelförmig sei. Dr. Watson macht diesen dezent darauf aufmerksam, dass derartiges Wissen für die Lösung des Kriminalfalles gewiss vollkommen irrelevant sei und dies Sherlock Homes deshalb auch in keiner Weise interessiere. Ob diese Einstellung erstrebenswert ist, sei dahingestellt. Aber so kann sich das Leben durchaus als Fülle nutzlosen Wissens und nutzlosen Glaubens darstellen. Daran gefällt mir jedenfalls, dass auch das Wissen als relative Größe in den Blick gerät. Was man tatsächlich wissen muss, dürfte nur schwer zu beantworten sein. Aber wenn etwas das eigene Leben betrifft, wie z.B. der Glaube anderer, wenn er politische und finanzielle Auswirkungen in erheblichem Maße auf das eigene Leben hat, sollte dies die eigene Standortsuche leichter machen.

Blinder Glaube kann für Sehende kein Grund zur stummen Nachsicht sein.

Wie schon andere zutreffend festgestellt haben:

Wer ohne Vernunft zu seiner Überzeugung gelangt ist, den kann man auch nicht mit Vernunftgründen davon abbringen. (Karlheinz Deschner)

Glauben heißt, nichts wissen wollen. (Friedrich Nietzsche)

Wer nichts weiß, muss alles glauben. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Mit dem Glauben mag das hinsichtlich der Sinnsuche für das eigene Leben, den Trost für eben dieses, die Hoffnung auf ein paradiesisches Jenseits oder die spirituelle Entfaltung menschlicher Tugenden, wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Großzügigkeit oder Toleranz eine ausreichende und umfassende Legitimation darstellen, aber mit Wahrheit hat dies alles nichts zu tun.

Nicht nur im Krieg, auch im Glauben bleibt als erstes immer die Wahrheit auf der Strecke.

Die Wahrheit ist, dass das Christentum mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vor allem ganz andere Ursprünge, vor allem ganz andere Motivationen und nicht zuletzt ganz andere Folgen hat, als man dies aus seinen Quellen zu schließen können glaubt. Am Umfang dieses Glaubens kann man allerdings und durchaus in Richtung Wissenserwerb arbeiten. Es sind nicht die zahllosen Widersprüche, Irrtümer, Fälschungen und Unverständlichkeiten, die Zweifel aufkommen lassen, sondern es sind die zahllosen Indizien, dass alles eine geschickte Fiktion ist, um eine rein weltliche Herrschaft vorzubereiten und zu legitimieren.

Wer seine eigenen Grenzlinien überprüfen und möglicherweise mehr Wissen erwerben und sein Verständnis fördern will, der kann dies anhand der (hier beispielhaft aufgeführten) Literatur einmal näher in den Blick nehmen:
Schwerpunkte theologische Aspekte:

  • Joseph Atwill, Das Messias-Rätsel – zeigt, dass die Evangelien Ereignisse aus dem Jüdischen Krieg (66 – 70) im Interesse des römischen Imperiums in eine religiöse Botschaft gegossen haben.
  • Harald Specht, Jesus? - zeigt, welche Anleihen die Verfasser der Evangelien aus anderen Religionen und der Thora eingebaut haben, um einen christlichen Mythos zu schaffen
  • Roland Weber, Denken statt glauben – Wie das Christentum wirklich entstanden ist – zeigt, dass die zahllosen Widersprüche und Geschichtsklitterungen der Evangelien im Interesse des römischen Imperiums konzipiert wurden und sich heute noch anhand der Texte aufdecken lassen.

Schwerpunkte weltliche Aspekte:

  • Carsten Frerk, Violettbuch Kirchenfinanzen – zeigt, dass es sich bei den christlichen Kirchen in Deutschland um gigantische Wirtschaftskonzerne handelt, die zudem in verfassungswidriger Weise mit allgemeinen Steuermitteln privilegiert werden.
  • Uwe Lehnert, Warum ich kein Christ sein will – zeigt zu welchen Schlussfolgerungen ein Mensch kommen muss, wenn er seinen Verstand und sein Wissen ohne Verdrängungsblockaden einsetzt.
  • Karlheinz Deschner / Horst Hermann, Der Anti-Katechismus 200 Gründe gegen die Kirchen und für die Welt – zeigen, wie nahezu alle geschichtlichen Faktoren belegen, auf welchen unethischen Grundlagen die Kirchen und das Christentum aufgebaut sind.

Roland Weber