Warum nicht mal mit Nietzsche?

Manches von Nietzsche ist zwar schwer verdauliche Kost, un- oder schwer verständlich, manches ist auch zeitbedingt, auch überholt, zu „absolutistisch“, manches ist aber auch stets und manches gerade heute wieder aktuell. Viele dieser ausgewählten Zitate sind so durchaus verständlich und sollten nicht in Vergessenheit geraten oder unbekannt bleiben. Über diese nachzudenken lohnt sich.

Manches was Nietzsche sagt, mag für unsere Ohren „schroff“ und „unversöhnlich“ klingen – also ganz anders, als wir es gewohnt sind, mit „Religion“ umzugehen. Bei uns wird Religionsfreiheit ja direkt so verstanden, dass schon Kritik oder Zweifel an diesen verkündigten „Wahrheiten“ als ungehörig empfunden wird und allenfalls „gemäßigt“ geäußert werden darf. Religionsfreiheit wird weitgehend so verstanden, dass deutliche Kritik als „unanständig“ empfunden wird -  „Gefühlsverletzungen“ eben. Gar gänzlich verworfen wird, „Gläubige“ als Einfältige, Unwissende oder Beschönigende, als Geschichtsvergessene, Politik – und Medienblinde oder -geblendete, gar als Verfälschende  zu bezeichnen. Schützenswert sind nach humanistischen Grundsätzen aber immer die Menschen. Die Rollen sind stets gleich verteilt: Wer aufklärt ist der Angreifer, aggressiv und verbohrt, die Gläubigen und insbesondere ihre Parteivertreter sind friedvoll, ausgleichend, menschenliebend, versöhnlich eben. Das Dumme ist halt nur, dass  man nicht die Fälschungen oder das Nichtwissen selbst kritisieren kann, sondern eben nur die Menschen, die sich mit diese Eigenschaften zeigen. Als ob die Religionsparteien sich selbst jemals diese Zurückhaltung auferlegt hätten oder auferlegten! Wenn man die Geschichte des Christentums, seiner Kirche/n und der „Werke“ einer unvoreingenommenen Untersuchung unterzieht, so ist im Vergleich zu den zahllosen Verbrechen, die auf dieses Konto gehen, eine „unversöhnliche Kritik“ am System  - aber damit auch an den Menschen, die dieses stützen -, durchaus verständlich und mehr als „verzeihlich“. Dass das alte Mütterchen in die Kirche geht und ganz auf Maria vertraut, dass Jesus auf dem Katholikentag zig Nonnen erscheint („Jesus lebt!“), dass man einem Papst zujubelt und ihm devot als „wahren Stellvertreter eines Gottes“ huldigt   – kann man, soll man, darf man das verurteilen? Vielleicht tut es einmal ganz gut, diese selbstauferlegten Befindlichkeiten zu überdenken. Nietzsche kann dabei helfen – auch wenn er den einzelnen Menschen und seine „Befangenheit“ nicht in den Mittelpunkt seiner Kritik stellt. Und dabei hat Nietzsche vieles von dem, was seitdem (Nietzsche starb nach langer Krankheit im Jahr 1900)  noch dazukam – die „Auffrischung“ und „Verstetigung“ des Judenhasses unter den Nazis insbesondere, gar nicht mehr erlebt. Diese „Wiederbelebung“ seiner Gedanken ist heute notwendig, um diese insbesondere gegen die große Anzahl der systemstabilisierenden Lau-Christen zu richten, da diese nur dem Namen nach als Christen zu bezeichnen sind - denn sie wissen meistens gar nicht, was sie damit zu „glauben“ vorgeben! -, aber durch ihre Feigheit und/oder Denkfaulheit dafür sorgen, dass viele Fragen, die sich im Zusammenhang mit „Religion“ stellen, nicht angegangen, ja nicht einmal diskutiert werden. Vor allem übrigens die Fragen nach Geld, die man von jeglicher Religion als unterscheidbaren Aspekt wahrnehmen und überdenken könnte. Und dafür bedarf es dann eben auch einmal einen Ausflug ins Grundsätzliche und zu „Nietzsche“. Auch wenn dieser die „Geldfrage“ oder die Arbeitsmarktdominanz im sozialen Bereich, die sich für die Kirchen seit dieser Zeit ja dermaßen skandalös „weiterentwickelt“ haben, keine nachhaltige Rolle spielen (konnten). Wer ständig einen Jesus als Auferstandenen visioniert, muss auch einem Atheisten nachsehen, wenn er Nietzsche mit seinen Worten wieder auferstehen lässt.

Einleitung und Zitatenauswahl von

Roland Weber

 

Zitate
(auszugsweise – aber darin ungekürzt! Die vorgefundene Rechtschreibung und Zeichensetzung habe ich belassen)

aus


Friedrich Nietzsche, Der Antichrist:


aus Nr.15:
Weder die Moral noch die Religion berühren sich im Christentume mit irgendeinem Punkte der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen („Gott“, „Seele“, „Ich“, „Geist“, „der freie Wille“ - oder auch der „unfreie“); lauter imaginäre Wirkungen („Sünde“, „Erlösung“, „Gnade“, „Strafe“, „Vergebung der Sünden“). … Diese reine Fiktionswelt unterscheidet sich dadurch zu sehr von der Traumwelt, dass letztere die Wirklichkeit widerspiegelt, während sie die Wirklichkeit verfälscht, entwertet, verneint.

aus Nr.22:
Das Christentum hatte barbarische Begriffe und Werte nötig, um über die Barbaren Herr zu werden: solche sind das Erstlingsopfer, das Bluttrinken im Abendmahl, die Verachtung des Geistes und der Kultur; die Folterung in allen Formen, sinnlich und unsinnlich; der große Pomp des Kultus.

aus Nr.26:
Der Priester hatte, mit Strenge, mit Pedanterie, bis auf die großen und kleinen Steuern, die man ihm zu zahlen hatte (die schmackhaftesten Stücke vom Fleisch nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteakfresser) ein für allemal formuliert, was er haben will, „was der Wille Gottes ist“ … Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, dass der Priester überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar nicht vom Opfer („der Mahlzeit“) zu reden, erscheint der heilige Parasit, um sie zu entnatürlichen, in seiner Sprache zu „heiligen“ .. Denn dies muss man begreifen: jede natürliche Sitte, jede natürliche Institution (Staat, Gerichtsordnung, Ehe, Kranken- und Armenpflege), jede vom Instinkt des Lebens eingegebene Forderung, kurz alles, was seinen Wert in sich hat, wird durch den Parasitismus des Priesters (oder der „sittlichen Wertordnung“) grundsätzlich wertlos, wertwidrig gemacht: es bedarf nachträglich einer Sanktion – eine wertverleihende Macht tut not, welche die Natur darin verneint, welche eben damit erst einen Wert schafft. Der Priester entwertet, entheiligt die Natur: um diesen Preis besteht er überhaupt. - Der Ungehorsam gegen Gott, das heißt gegen den Priester, gegen „das Gesetz“ bekommt nun den Namen „Sünde“; die Mittel, sich wieder „mit Gott zu versöhnen“, sind, wie billig, Mittel, mit denen die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet ist: der Priester allein ist „erlöst“. Psychologisch nachgerechnet werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die „Sünden“ unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, dass „gesündigt“ wird. Oberster Satz: „Gott vergibt dem, der Buße tut“ - auf deutsch: der sich dem Priester unterwirft.

aus Nr.27:
Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, als dessen Urheber Jesus verstanden oder missverstanden worden ist, wenn es nicht der Aufstand gegen die jüdische Kirche war, Kirche genau in dem Sinn genommen, in dem wir heute das Wort nehmen. Es war ein Aufstand gegen die „Guten und Gerechten“, gegen die „Heiligen Israels“, gegen die Hierarchie der Gesellschaft – nicht gegen deren Verderbnis, sondern gegen die Kaste, das Privilegium, die Ordnung, die Formel: es war der Unglaube an die „höheren Menschen“, das Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologe war.

aus Nr.28:
Was gehen mich die Widersprüche der „Überlieferung“ an? Wie kann man Heiligen Legenden überhaupt „Überlieferung“ nennen! Die Geschichten von Heiligen sind die zweideutigste Literatur, die es überhaupt gibt: auf sie die wissenschaftliche Methode anwenden, wenn sonst keine Urkunden vorliegen, scheint mir von vornherein verurteilt – bloß gelehrter Müßiggang.

aus Nr.32:
Die „gute Botschaft“ ist eben, dass es keine Gegensätze mehr gibt; das Himmelreich gehört den Kindern; der Glaube, der hier laut wird, ist kein erkämpfter Glaube – er ist da, er ist von Anfang, er ist gleichsam eine ins Geistige zurückgetretene Kindlichkeit.

aus Nr.34
Und ein Dogma von der „unbefleckten Empfängnis“ noch obendrein? -  Aber damit hat die Kirche die Empfängnis befleckt!

aus Nr.38:
Was ehemals bloß krank war, heute ward es unanständig – es ist unanständig, heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. - Ich sehe mich um: es ist kein Wort von dem mehr übriggeblieben, was ehemals „Wahrheit“ hieß, wir halten es nicht einmal mehr aus, wenn ein Priester das Wort „Wahrheit“ auch nur in den Mund nimmt. Selbst bei dem bescheidensten Anspruch auf Rechtschaffenheit muss man heute wissen, dass ein Theologe, ein Priester, ein Papst mit jedem Satz den er spricht, nicht nur irrt, sondern lügt – dass es ihm nicht mehr freisteht, aus „Unschuld“, aus „Unwissenheit“ zu lügen. Auch der Priester weiß, es so gut, wie jedermann weiß, dass es keinen „Gott“ mehr gibt, keinen „Sünder“, keinen „Erlöser“ - dass „freier Wille“, „sittliche Weltordnung“ Lügen sind: - der Ernst, die tiefe Selbstüberwindung des Geistes erlaubt niemandem mehr, hierüber nicht zu wissen … Alle Begriffe der Kirche sind erkannt als das, was sie sind, als die bösartigste Falschmünzerei, die es gibt, zum Zweck, die Natur, die Natur-Werte zu entwerten; der Priester selbst ist erkannt als das, was er ist, als die gefährlichste Art Parasit, als die eigentliche Giftspinne des Lebens... Wir wissen, unser Gewissen weiß es heute -, was überhaupt jene unheimlichen Erfindungen der Priester und Kirche wert sind, wozu sie dienten, mit denen jeder Zustand von Selbstschändung der Menschheit erreicht worden ist, der Ekel vor ihrem Anblick machen kann – die Begriffe „Jenseits“, „jüngstes Gericht“, „Unsterblichkeit der Seele“, die „Seele“ selbst; es sind Folter-Instrumente, es sind Systeme von Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb … Jedermann weiß das: und trotzdem bleibt alles beim alten. Wohin kam das letzte Gefühl von Anstand, von Achtung vor sich selbst, wenn unsere Staatsmänner sogar, eine sonst sehr unbefangene Art Menschen und Antichristen der Tat durch und durch, sich heute noch Christen nennen und zum Abendmahl gehen?

aus Nr.:41:
Und von nun an tauchte ein absurdes Problem auf: „Wie konnte Gott das zulassen!“ Darauf fand die gestörte Vernunft der kleinen Gemeinschaft eine geradezu schrecklich absurde Antwort: Gott gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer. Wie war es mit einem Mal zu Ende mit dem Evangelium! Das Schuldopfer und zwar in seine widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum! - Jesus hatte ja den Begriff „Schuld“ selbst abgeschafft – er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er lebte diese Einheit vom Gott als Mensch als „seine“ „frohe Botschaft“ … Und nicht als Vorrecht! Von nun an tritt schrittweise in den Typus des Erlösers hinein: die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft, die Lehre vom Tod als einem Opfertod, die Lehre von der Auferstehung, mit der der ganze Begriff „Seligkeit“, die ganze und einzige Realität des Evangeliums, eskamotiert ist – zu Gunsten eines Zustandes nach dem Tode! … Paulus hat diese Auffassung, diese Unzucht von Auffassung mit jener rabbinerhaften Frechheit, die ihn in allen Stücken auszeichnet, dahin logisiert: „wenn Christus nicht auferstanden ist von den Toten, so ist unser Glaube eitel.“ - Und mit einem Male wurde aus dem Evangelium die verächtlichste aller unerfüllbaren Versprechungen, die unverschämte Lehre von der Personal-Unsterblichkeit .. Paulus selbst lehrte sie als Lohn.

aus Nr.43:
Und unterschätzen wir das Verhängnis nicht, das vom Christentum aus sich bis in die Politik eingeschlichen hat! Niemand hat heute mehr den Mut zu Sonderrechten, zu Herrschafts-Rechten, zu einem Ehrfurchts-Gefühl vor sich und seines Gleichen - zu einem Pathos der Distanz. Unsere Politik ist krank an diesem Mangel an Mut!

aus Nr.44:
Man muss sich nicht irreführen lassen: „richtet nicht!“ sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Weg steht. Indem sie Gott richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen sie sich selber; indem sie die Tugenden fordern, deren sie gerade fähig sind – mehr noch, die sie nötig haben, um überhaupt oben zu bleiben -, geben sie sich den großen Anschein eines Ringens um die Tugend. „Wir leben, wir sterben, wir opfern uns für das Gute“ (die „Wahrheit“, „das Licht“, das „Reich Gottes“): in Wahrheit tun sie , was sie nicht lassen können. Indem sie nach Art von Duckmäusern sich durchdrücken, im Winkel sitzen, im Schatten schattenhaft dahinleben, machen sie sich eine Pflicht daraus: als Pflicht erscheint ihr Leben als Demut, als Demut ist es ein Beweis mehr für Frömmigkeit… Ah diese demütige, keusche, barmherzige Art von Verlogenheit!

aus Nr.46:
Ich habe vergebens im neuen Testamente auch nur nach Einem sympathischen Zuge ausgespäht; nichts ist darin, was frei, gütig, offenherzig, rechtschaffen wäre.

aus Nr.48:
„Vom Weib kommt jedes Unheil der Welt“ - das weiß jeder Priester. Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baum der Erkenntnis losten. - Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich – es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! - Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich – sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünden, die Erbsünde. Dies allein ist die Moral. - „Du sollst nicht erkennen!“ - der Rest folgt daraus.

aus Nr.52:
„Glaube“ heißt, Nicht-wissen-wollen, was wahr ist.


aus Nr.54:
Der Mensch des Glaubens, der „Gläubige“ jeder Art ist notwendig ein abhängiger Mensch – ein solcher, der sich nicht als Zweck, der von sich aus überhaupt nicht Zwecke ansetzen kann. Der „Gläubige“ gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein, er muss gebraucht werden, er hat jemand nötig, der ihn braucht.

aus Nr.55:
Ich nenne Lüge etwas nicht sehen wollen, das man sieht, etwas nicht so sehen wollen, wie man es sieht: ob die Lüge vor zeugen oder ohne Zeugen statt hat, kommt nicht in Betracht. Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen anderer ist relativ der Ausnahmefall. - Nun ist dies Nicht-sehen-wollen, was man sieht, dieses Nicht-so-sehen-wollen, wie man es sieht, beinahe die erste Bedingung für alle, die Partei sind, in irgendwelchen Sinne: der Parteimensch wird mit Notwendigkeit Lügner.

aus Nr.62:
Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirch ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren „humanitären“ Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand abschaffen gierig wider ihre tiefste Nützlichkeit – sie lebt von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen. Der Wurm der Sünde zum Beispiel: mit diesem Notstande hat erst die Kirche die Menschheit bereichert!

Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.