Eine Kerze in der Dunkelheit

March for Science, Heidelberg

(23.04.2017)

Nicht einfach gegen die Politik eines einzelnen Mannes, sondern gegen den Fakten-verleugnenden Populismus weltweit setzte der „March for Science“ in über 500 Städten weltweit ein Zeichen. Unter diesen, mit deutlich über 1000 Teilnehmern aus Wissenschaft, Politik und allgemeiner Bevölkerung war auch Heidelberg – als eine von über 20 deutschen Städten.

Als Carl Sagen 1995 in seinem Buch „The Demon-Haunted World: Science as a Candle in the Dark“ die folgenden Zeilen schrieb war für die meisten von uns noch nicht absehbar, wie Recht er damit haben sollte:

“I worry that, especially as the Millennium edges nearer, pseudoscience and superstition will seem year by year more tempting, the siren song of unreason more sonorous and attractive. Where have we heard it before? Whenever our ethnic or national prejudices are aroused, in times of scarcity, during challenges to national self-esteem or nerve, when we agonize about our diminished cosmic place and purpose, or when fanaticism is bubbling up around us - then, habits of thought familiar from ages past reach for the controls. The candle flame gutters. Its little pool of light trembles. Darkness gathers. The demons begin to stir.”*

Ohne Wissenschaft hätten wir keine Antibiotika, geschweige denn moderne Medizin an sich, unser Trinkwasser wäre nicht sicher, unsere Flugzeuge würden nicht fliegen und unsere Häuser nicht stehenbleiben. Die wissenschaftliche Vorgehensweise ist erwiesener Maßen der beste Weg, Behauptungen kritisch zu überprüfen und zu bestätigen oder zu verwerfen. Der weltweit aufkeimende Populismus hingegen schafft sich „Alternative Fakten“ nach eigenem Gusto. Es werden Tatsachen geleugnet und – teilweise mit millionenschweren PR-Kampagnen – versucht Wissenschaft und Forschung zu diskreditieren. Der damit einhergehende Verlust von Vertrauen in die Wissenschaft und das Gefühl, dass Fakten beliebig veränderbar seien, wenn dies politisch gewünscht ist, kann verheerende Folgen haben. Um dem öffentlich entgegenzutreten fand unter dem Motto „Science, not Silence“ (Wissenschaft statt Schweigen) am 22. April 2017 der „March for Science“ (Marsch für die Wissenschaft) mit deutlich über 1000 Teilnehmern in Heidelberg statt.

Zum Auftakt spielte die multinationale Heidelberger Jungwissenschaftler-Band „Wild Types“, Dr. Eva Haas begrüßte die Teilnehmer und Science Slammer Lorenz Adlung heizte dem Publikum ein, bevor es die Heidelberger Fußgängerzone entlang zur Abschlusskundgebung am Universitätsplatz ging. Dort sprachen Theresia Bauer (Ministerin für Wissenschaft, Forschung
und Kunst des Landes Baden-Württemberg), Prof. Dr. Bernhard Eitel (Rektor der Universität Heidelberg), sowie zahlreiche international erfolgreiche Wissenschaftler, aber auch Studenten kamen zu Wort (siehe Programm). Für musikalische Unterhaltung sorgte die Band Balsamico.

„Wissenschaft ist keine Meinung“, „Before you share on social media – look it up on wikipedia“ und „Mehr Belege!“ forderten die Plakate und Transparenten in Heidelberg.

Ursprünglich in den USA, aufgrund der Leugnung des Klimawandels und trotz dessen bereits jetzt wahrnehmbare Folgen, durch den neuen US-Präsidenten entstanden, hat der Marsch schnell weltweit Anhänger gefunden. Heidelberger Studierende organisierten mit tatkräftiger Unterstützung der Säkularen Humanisten, der GWUP, den amerikanischen Democrats Abroad und Anderen den partei-neutralen Protest gegen Wissenschaftsfeindlichkeit. Seit fast einem Jahrzehnt treten die Säkularen Humanisten in der Region mit Vorträge, Ausflügen, Brunches und einem Evolutions-Wanderweg für Wissenschaftlichkeit und kritisches Denken ein und freuen sich sehr über die gut besuchte Demonstration.

Die nächsten Veranstaltungen in Heidelberg sind:

  • Monatlicher Skeptiker Brunch – 14.5. ab 10:30 Uhr im Cafe Merlin, Heidelberg
  • Podiumsdiskussion zur Bedeutung der Wissenschaft in der Gesellschaft - 18.5. um 19:30 Uhr im großen Hörsaal des DKFZ Heidelberg

Beitrag: Dr. Martin Theiß

Links:

Speziellen Dank:

Presse:

* Zitiert aus dem Buch “The Demon-Haunted World: Science as a Candle in the Dark” (Deutsch:  „Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“) aus dem Jahr 1995 von Carl Sagan.

„Ich mache mir Sorgen, dass, während wir uns dem Ende des Jahrtausends nähern, die Pseudowissenschaft und der Aberglaube von Jahr zu Jahr verführerischer werden. Dass der Sirenengesang der Unvernunft klangvoller und anziehender lockt. Hatten wir das nicht alles schon mal?

Wann immer unsere völkischen oder nationalen Vorurteile aufgeweckt werden, in Zeiten der Not, wenn unser Nationalstolz und Selbstwertgefühl ins Wanken gerät, wenn wir den geschrumpften Platz und zurückgesetzte Bedeutung im Kosmos bedauern oder wenn der Fanatismus um uns herum aufschäumt - dann greifen die Denkmuster einer vertraut wirkenden Vergangenheit nach der Macht.

Die Kerze erlischt. Ihr kleiner Lichtstrahl zittert. Dunkelheit kehrt ein. Die Dämonen beginnen sich zu rühren.“