Fighting God

David Silvermans Besuch in Europa im Jahr 2015

(04.02.2016)

Elizabeth Hawkins, Heidelberg, Deutschland

Die Nachwirkungen von „Fighting God​“

Im oberen Stockwerk der Heidelberger Stadtbücherei reihen sich Frauen und Männer, Jung und Alt, von verschiedenen Nationen, aber gleichermaßen hochgebildete Menschen zum Saal ein, in dem die Ansprache stattfindet. Alle sind sie neugierig und an der Welt interessiert, alle sprechen ausgezeichnet Englisch und es ist wahrscheinlich, dass die meisten Atheisten sind.

David Silverman weiß, dass dies nicht sein typisches Publikum ist. Wenn er in den USA spricht, trägt er üblicherweise seine schusssichere Weste. Aber heute Abend gab es keine Morddrohungen und so hat er seinen Schutz im Hotel gelassen.

Silverman ist ein netter Kerl, er kommt höflich, tolerant, zuvorkommend, unterhaltsam, anerkennend und umtriebig daher. Als Präsident der Organisation ‚American Atheists‘, wirbt er um die öffentliche Wahrnehmung für Atheismus zu erhöhen, setzt sich für die Gleichberechtigung von Atheisten ein und bemüht sich um echte Trennung von Staat und Religion. Er ist offen und vorbehaltlos; seine Arbeit umfasst Vorträge halten, diskutieren, und Werbekampagnen sowie Justizfeldzüge zu organisieren. Er hat gerade sein erstes Buch geschrieben, „Fighting God« (Kampf gegen Gott). Silverman nennt sich selbst einen „Unruhestifter“.

Aufrührerische Atheisten sagen offen die Wahrheit über Religion –, dass es eine Lüge ist - und tun dies auch, wenn die Gefahr besteht damit bei religiösen Menschen Anstoß zu erregen oder sie zu beleidigen. Silverman erklärt: „Es ist keine Beleidigung, sondern sie fassen es als Beleidigung auf, warum? Weil ihnen von Geburt an eingebläut wurde, dass sie ein Christ, Jude oder Muslim sind, dass sie ein und dasselbe wie ihre Religion sind. Und das müssen wir aufbrechen“.

Sprachgewandt, liebenswürdg und mit meisterhafter Rhetorik, zieht Silverman sein Publikum auf die gleiche Weise in den Bann, wie es sonst Prediger oder Politiker machen würden. Kritiker bezeichnen ihn als militant; Kapitel in ‚Kampf gegen Gott‘ lauten „Der Krieg hat längst begonnen“ und „Die unangenehme Schlacht schlagen“, aber Silverman ist kein aggressiver Mensch. „Ich hasse den Begriff ‚militanter Atheist‘, weil es Gewalt beinhaltet“, sagt Silverman. Er bestreitet, dass sein Gebrauch von emotionaler Sprache missverstanden werden könnte: „Es gibt absolut keine Gewalt in Allem was ich antreibe“, hält er inne, „aber ich treibe an zu kämpfen, ich treibe an zu streiten, ich bin der Ansicht, es ist unsere Pflicht zurückzuschlagen, weil wir eine böse, unheilvolle Lüge bekämpfen, die Menschen zu ihren Sklaven macht.“

Als Jude aufgewachsen, erkannte Silverman während seiner Kindheit, dass wissenschaftliche Belege und Logik ihn nicht von der Existenz eines Gottes überzeugen konnten. Er legt dar: „In der gesamten Geschichte der Menschheit ist die Anzahl an Beweisen, dass es irgendetwas Übernatürliches gibt gleich Null!“ Für Silverman sind religiöse Menschen Opfer von Indoktrination, und in der Überzeugung, den christlichen Missionaren nicht unähnlich, die sich aufmachen Heiden zu ‚zivilisieren‘. Er glaubt, dass Atheisten eine ethische Verantwortung haben, Mitmenschen von der Lüge der Religion zu befreien, welche die Menschheit und die Gesellschaft ausbremst.

Sogar einige Atheisten sehen seinen Ansatz skeptisch. Kann es wirklich sein, dass Religion völlig schlecht ist? Silverman argumentiert heftig, dass dem so ist. Nehmen wir zum Beispiel gemeinnützige religiöse Organisationen, die, so wie er glaubt, oft unverdiente Anerkennung erhalten: „Jedes bisschen Gutes, dass wir als Menschheit tun könnnen, kann getan werden, ohne dass wir dafür lügen müssen, uns verstellen und verbiegen oder uns einen Mann im Himmel vorstellen“. Silverman nennt das Beispiel einer Kirche mit einem Jahreseinkommen von 10 Millionen Dollar, die einen Tag im Jahr eine Essenausfahrt organisiert: „Das ist nicht wohltätig!“ ruft Silverman entsetzt: „Das ist ein geschäftliches Unternehmen mit einer Vertriebstrategie.“

Ein anderer Punkt ist, ob denn eine Welt ohne Religion denn eine bessere Welt wäre. Wenn es nicht die Religion wäre, dann würden die Menschen sicher andere Mittel und Wege finden um sich in Grüppchen zu trennen, Kriege anzufangen, sich zu unterdrücken und zu hassen. Silverman gibt zu, dass dieses Denken in ‚gehört zu uns‘ und ‚gehört nicht zu uns‘ ein Teil der menschlichen Natur ist, aber er wirft ein, dass Religionen die am meisten spaltenden und hasserzeugenden Dinge in der Welt sind. „Wenn du ein religiöser Mensch bist, dann ist es ein Bestandteil deines Selbstbildes, das jeder außerhalb deiner Religion nicht dazu gehört“. Silverman sagt: „Wenn ich also jetzt mit dem Finger schnippen würde und jeder Mensch würde erkennen, dass es keinen Gott gibt, wäre die Gewalt nicht weg, aber es gäbe viel weniger davon“.

Anders als die meisten vielleicht denken, ist es nicht das Ziel von Silvermans Tätigkeit religiöse Menschen zu Atheisten zu bekehren – obwohl er sich das von einem humanistischen Blickwinkel aus wünschen würde. Ungefähr nur 3 % der amerikanischen Bevölkerung bezeichnet sich offiziell als Atheisten, aber Silverman glaubt, dass tatsächlich 25–30 % der Bevölkerung Atheisten sind. „Wir schämen uns so vor dem Wort, wir schämen uns dafür im Recht zu sein und die Wahrheit zu wissen, dass wir uns verstecken, uns Agnostiker, Säkulare, gar nichts, oder noch schlimmer – als Christen, Muslime und Juden bezeichnen.“ Sein Ansatz ist, die Atheisten, die sich verstecken aufzumuntern die Definition des Wortes ‚Atheist‘ nachzuschlagen und es endlich zu benutzen.

Es ist klar, dass ‚Kampf gegen Gott‘ sich an ein amerikanisches Publikum richtet, aber seitdem er neulich in China, Deutschland und der Schweiz vorgetragen hat, hat Silverman eine steigende internationale Beachtung bemerkt. Viele europäische Atheisten ringen mit sich, den Bedarf nach einem anstiftenden Atheismus zu sehen, weil sie sich nicht in einer diskriminierten Position befinden. Silverman behauptet jedoch, dass die Ankunft des Islams mehr Atheisten bewegt hat, seine Vorgehensweise anzunehmen. Er sagt: „Der fundamentalistische Islam ist sichtbar. Sie können Frauen in Burkas sehen und Männer hören, die über die Scharia reden und das macht Atheisten umtriebig.“

Das Publikum in Heidelberg klatscht höflich, stellt meist sinnvolle und informierte Fragen und verlässt den Saal in der gleichen geordneten Weise, in der es kam. Die meisten Teilnehmer bewerten den Vortrag positiv in ihrem Feedback-Fragebogen.

Zu Hause in den USA ist das Gelände der ‚American Atheists‘ von einem hohen Zaun umgeben. Silverman wechselt regelmäßig seinen Wohnsitz, so dass er nicht einfach aufgespürt werden kann. Obwohl man atheistische Werbetafeln in muslimischer Nachbarschaft aufgestellt hat und ständig ankündigt Mohammed zu zeichnen, so erzählt Silverman, stammen die Drohungen allesamt von Christen: „Das sind keine Andeutungen, nicht mal irgendwie zurückhaltend, sie sagen ‚Ich weiß wo du wohnst, ich weiß wo du schläfst, ich komme heute Nacht in dein Haus, ich schlitze dich vom Bauch bis zum Hals auf und dann mache ich das mit deiner Frau und deiner Tochter. Einen schönen Tag noch und Jesus liebt dich“. Silverman seufzt. „Das ist die Art von Scheiße, die ich bekomme.“

David Silvermans Buch „Fighting God: An Atheist Manifesto for a Religious World“ wurde bei Thomas Dunne Books am 1. Dezember 2015 veröffentlicht.

Das Interview mit mit David Silverman fand am 5. November 2015 statt. David Silverman hielt einen Vortrag mit dem Titel „Fighting God“ am Freitag, den 6. November 2015 in Heidelberg, Deutschland.

Dieser Artikel wurde beim humanistischen Pressedienst veröffentlich.

Übersetzung: Klafünf